Die Jünger und der Wein

Jesus: Wir zogen dann ganz ruhig unseren Weg weiter, erreichten die Stadt noch eine Stunde vor dem Untergange und wurden allda von einem Altjuden, der hier eine Herberge besaß, ganz gut aufgenommen und bekamen auch alsbald Brot und etwas Wein, den die Bewohner dieser Stadt selbst aus wildwachsenden Weintrauben sich zu bereiten verstanden, und der zum Löschen des Durstes auch ganz taugte.

Der Wirt merkte es einigen Jüngern wohl an, dass ihnen der Wein eben nicht besonders munde, und sagte darum denn auch: ,,Meine lieben Freunde, ich merke es wohl, daß euch unser Wein nicht am besten mundet; aber ich kann euch dennoch keinen andern bieten, als wie diese unsere magere Gegend ihn hergibt. Bessere Weine hierherbringen zu lassen, dazu fehlen uns die Mittel, und so danken wir dem Herrn, daß Er uns mit einem solchen Wein versehen hat, mit dem wir unsern Durst in den heißen Tagen des Sommers besser löschen können als jene in den großen Städten, die da den besten Wein nur trinken, um ihrem verzärtelten Gaumen eine große Lust zu machen. Wir in dieser unserer von Jerusalem schon sehr fern gelegenen Stadt leben nicht nach Art der wollüstigen Prasser, sondern nach der Art armer Hirten und sind dabei gesünder und zufriedener denn die Reichen in den großen Weltstädten, die den ganzen Tag nachsinnen, wie sie am üppigsten schwelgen könnten, aber an Gott zu denken und Ihm allein die Ehre zu geben keine Zeit haben. Trinket daher nur diesen unsern Wein; er wird euch wahrlich nicht schaden!“

Als die Jünger das von unserem Wirte vernahmen, da belobten sie seine alte Gottestreue, aßen darauf mit Lust das Gerstenbrot und tranken mit vieler Freude den Wein, der freilich etwas sauer war.


Text: GEJ, B10, K143, A1-3
Abbildung: Cross Island (© kevron2001/ Fotolia.com)
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