Das Stromlied

Das Stromlied
Ich weiß einen Strom, dessen herrliche Flut
Fließt wunderbar stille durchs Land;
Doch strahlet und glänzt er wie feurige Glut.
Wem ist dieses Wasser bekannt?

O Seele, ich bitte dich: Komm!
Und such diesen herrlichen Strom!
Sein Wasser fließt frei und mächtiglich;
O glaub‘, es fließet für dich!

Wohin dieser Strom sich nur immer ergießt,
Da jubelt und jauchzet das Herz,
Das nunmehr den köstlichen Segen genießt,
Erlöset von Sorge und Schmerz.

Der Strom ist gar tief, und sein Wasser ist klar,
Es schmecket so lieblich und fein;
Es heile die Kranken und stärkt wunderbar,
Ja, machet die Unreinsten rein.

Wen dürstet, der komme und trinke sich satt!
So rufet der Geist und die Braut.
Nur wer in dem Strome gewaschen sich hat,
Das Angesicht Gottes einst schaut.

O Seele, ich bitte dich: Komm!
Und such diesen herrlichen Strom!
Sein Wasser fließt frei und mächtiglich;
O glaub‘, es fließet für dich!

Ernst Heinrich Gebhardt (1823-1899)